Enslaved: „Mið“ sucht die Mitte zwischen Mythos und Gegenwart
Archivbild: Enslaved beim Inferno Metal Festival, Oslo, 4. April 2026. Foto: Birgit Fostervold / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Originalmotiv unverändert.

Manchmal steckt die größte Unruhe in der Suche nach einem festen Punkt. Enslaved geben ihrem neuen Album dafür einen knappen Namen: „Mið“, altnordisch für Mitte oder Zentrum. Die Platte erschien am 30. Oktober 2026 über Nuclear Blast; auf ihrer offiziellen Website bestätigt die Band inzwischen die weltweite Veröffentlichung. Für dieses Wochenende liegt damit ein neuer Zugang zu ihrem Kosmos aus Metal und Mythologie bereit.

Eine Mitte, die Fragen offenlässt

Eine Mitte kann Halt versprechen. Sie kann aber auch der Ort sein, an dem widersprüchliche Kräfte aufeinandertreffen. Genau dort setzt die offizielle Albumankündigung an: Das Konzept kreist um Ursprung, Gegenwart und die Reichweite eines Zentrums. „Solar Will“ führt diesen Gedanken über die Sonne und ihre mythologischen Bedeutungen weiter.

Sänger und Bassist Grutle Kjellson beschreibt den Text in der Ankündigung als Auseinandersetzung mit Gegensätzen in Natur, Mythologie und menschlichem Denken. Welche nordischen Figuren darin aufeinandertreffen, lässt er bewusst offen. Das ist ein reizvoller Ausgangspunkt: Ein Song muss sein Rätsel nicht auflösen, um eine Tür zu öffnen.

Acht Stücke und zwei besondere Gaststimmen

Die offizielle Titelliste umfasst acht Songs. Zwischen „Non-Being“ und dem abschließenden „I Miðju“ stehen unter anderem „Mountain“, „Parting“ und „Tales of Trees“. Zwei Beiträge sind ausdrücklich mit Gästen ausgewiesen: Johan Sara Jr wirkt an „I Am Ice“ mit, Kevin Kicking Woman an „Spirit Helper“.

Die Bandseite des Labels erläutert den Hintergrund: Johan Sara Jr bringt seine samische Joik-Tradition ein. Bei „Spirit Helper“ steht eine Gesangsaufnahme von Kevin Kicking Woman, einem Ältesten der Blackfeet, im Zentrum. Laut Ivar Bjørnsons dort veröffentlichten Erläuterungen wurde das Arrangement um die bestehende Aufnahme entwickelt. Die Zusammenarbeit berührt damit auch die Frage, wie musikalischer Austausch Raum für die Herkunft einer Stimme lässt.

Alte Spuren als Ausgangspunkt

Auch das Artwork hat nach Angaben des Labels einen konkreten Bezug: Als Inspiration diente ein bronzezeitliches Steinmonument aus Skjeberg in Norwegen. Archäologische Orte und die Verbindungen zwischen Menschen gehören zum thematischen Hintergrund des Albums. Daraus ergibt sich eine Frage, die über jede Genregrenze hinausreicht: Was bleibt von Gemeinschaft, wenn ihre Erbauer längst verschwunden sind?

Für Raven-Leser führt von hier ein gedanklicher Weg zu Heilungs angekündigter Sammlung „Sagas“. Dort steht eine für Hellblade II geschaffene Klangwelt im Mittelpunkt. Bei Enslaved liefern die beschriebenen Ideen einen anderen Anlass, dem Verhältnis von Musik, Überlieferung und Gegenwart nachzugehen.

Der direkte Einstieg in „Mið“

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet auf der Künstlerseite das offizielle Video zu „Solar Will“ sowie die Zugänge zu den physischen Ausgaben. Das Video stammt laut Nuclear Blast von Kolibri Media aus Bergen.

„Mið“ ist jetzt als vollständiges Album verfügbar. Welche Antworten seine acht Stücke für den Einzelnen bereithalten, entscheidet sich beim Hören. Die Ausgangsfrage aber trägt schon vor dem ersten Ton: Wo finden wir eine Mitte, wenn alles um uns in Bewegung bleibt?


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